[vc_row][vc_column][vc_wp_text]Am Donnerstag ging meine Mitteleuropa Radtour zu Ende. Am Tag darauf folgte nur ein kurzes Ausfahren. Auf 20 Tage erstreckten sich 19 Etappen mit 2737 Kilometern und 22.334 Höhenmetern, ausgehend von Halle an der Saale.

Mit voll bepackten Taschen ging es erstmal durch Deutschland, kurz durch Österreich, Liechtenstein, einige Tage durch die Schweiz bis zum Genfersee, einen Tag durch Frankreich und dann noch durch Luxemburg, Belgien, die Niederlande, zurück nach Halle.

Für den Nichtradfahrer wirken Etappen mit bis zu 180 Kilometern unfassbar lang. Aber wenn man einmal tritt, dann tritt man. Die tatsächlich noch größere Herausforderung ist es, sich ständig zu organisieren, mit Rückschlägen umzugehen zu müssen, kalte Nächte zu überstehen, bei 14 Grad Außentemperatur abends noch in einen kalten Alpengebirgssee zu springen, um sich zu waschen, die ausreichende Stromversorgung mit dem Solarpanel, Trocknungszeiten des Equipments am Morgen durch den Tau uvm.

Nach der 13. Etappe, als ich einem Horrorsturz gerade noch verhindern konnte, war ich zwischenzeitlich komplett am Ende und kurz vor dem Abbruch der Tour, da ich neben dem Doppelplatten vermutete, dass auch die Bereifung und die Laufräder kaputt gegangen waren. Über Kilometer ging es dann mit Klickpedalschuhen zu Fuß weiter.

Oft stellen Leute fest, dass das kein Urlaub für sie wäre oder fragen mich:“Empfindest du das als Urlaub?“ Es ist fraglich, ob man das so definieren kann. Ich kann auf jeden Fall mental komplett abschalten vom Alltag, ich bin raus aus meinem gewohnten Umfeld, lerne neue Länder und Kulturen kennen und das Allerwichtigste ist, dass mich auch niemand fragen kann, ob ich kurzfristig noch einen Termin frei habe.

Rückblickend muss ich sagen, dass mich meine 4-wöchigen Touren durch Deutschland 2016, Österreich und Schweiz 2017, Skandinavien 2018 und die diesjährige Tour über 20 Tage, neben meiner Selbstständigkeit, am allermeisten in meiner Persönlichkeitsentwicklung vorangebracht haben. Man ist ständig auf sich allein gestellt, muss selbstständig Probleme lösen, man muss auch lernen mit schwierigen Mentalitäten klarzukommen und vor allem bemerkt man erst einmal, wie unterschiedlich die Mentalitäten in den einzelnen Ländern und Regionen sind. Zudem sieht man die Natur und auch einzelne Städte aus einer völlig anderen Perspektive, als wenn man trist mit dem Auto die Autobahn entlang fährt oder bei einer Stadtrundfahrt nur die „schönen Sachen“ zu sehen bekommt. Man lernt kennen, wie radsportfreundlich die einzelnen Länder sind und auch mit diesen Bedingungen klarzukommen.

Sehr erstaunlich war es auch, wie unterschiedlich mit dem Coronavirus umgegangen wird. Es waren beide Extreme vorhanden. In den Niederlanden, wo alle Coronamaßnahmen, wie in Österreich und der deutschsprachigen Schweiz auf freiwilliger Basis waren, sah man selbst in Supermärkten keine Menschenseele mit einer Atemschutzmaske. Die Menschen wirkten sehr glücklich und gesund. In Belgien lief nahezu jeder, selbst in der Natur, beim Auto- oder auch beim Radfahren, mit Mundschutz herum. Zudem wird in den Städten seit der Coronakrise scheinbar kein Müll mehr abgeholt. Die Menschen wirkten auf mich teils depressiv, krank und das tatsächliche Infektionsrisiko für verschiedenste Krankheiten schien für mich um ein Vielfaches höher.

Es ist schwer zu sagen, was der schönste Ort war. Vielleicht Amsterdam, Luzern, vielleicht die unzähligen schönen Alpengebirgsseen in der Schweiz. Ich weiß es nicht. Mein Herz gehört nach wie vor der Schweiz, aber auch in die Niederlande, wo ich das erste mal war, habe ich mich verliebt. In beiden Ländern ist es, als ob man in einer anderen Welt ist, einer besseren Welt. Die Menschen sind so friedlich, gelassen, ausgeglichen, entspannt, rücksichtsvoll, jeder achtet den anderen und sie lieben ihre Tiere und die Natur genauso, wie ich es tue.

Ich könnte stundenlang über diese Tour schreiben und ich hätte tausende Bilder machen können während der Tour. Aber wahrscheinlich ist es das Normalste der Welt, dass man all das dann doch eher mit seiner Familie und seinen Freunden bei einem gemütlichen Abend an der Feuerschale erzählt und von den Bildern berichtet, die man ein Leben lang in seiner Erinnerung behält.

Ich kann es jedem nur empfehlen, mal selbst so eine Tour zu machen und dabei immer im Freien zu übernachten. Man muss ja auch keine 130 Kilometer durchschnittlich an einem Tag und auch viel über Straßen fahren. Vielleicht wäre es ja für den ein oder anderen eine Option 60-70 Kilometer an einem Tag, auf Radwegen entlang eines Flusses, von seinem Ursprung bis zu seiner Mündung, zu fahren.

Fragen zu Equipment, Navigation, Organisation, etc. beantworte ich auch gerne persönlich. Gute Fahrt und bleibt gesund![/vc_wp_text][/vc_column][/vc_row]